Von Knochenödemen, Muskelbündelrissen und dem Einfach-nicht-aufgeben-wollen.

Februar 2018 und es ist sowas von Zeit für ein Update meinerseits. Manchmal dauert es etwas bis sich wieder ein Zeitfenster öffnet. Jetzt gibt es aber eine Message. Und wie ich finde eine verdammt wichtige:

Liebe Athletinnen und Athleten,

ein guter Coach, bei dem Chemie, Fachwissen, Erfahrung und Kommunikation stimmen, ist unersetzlich! Das sage ich als Athletin, nicht als Trainerin. Clevere Algorithmen, schlaue Bücher und auch unglaublich viel Fachwissen können den zwischenmenschlichen, manchmal emotionalen Austausch sowie das objektive Auge ergänzen aber nicht ersetzen.

Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich nicht nur einmal Mist gebaut in den Zeiten, in denen ich ohne Coach auf mich selbst gestellt war. Meinen ersten Triathlon Trainern habe ich dann den einen oder anderen ordentlichen Fluch entlockt. Heute weiß ich, wie anstrengend das ist, wenn Athleten an der es-muss-alles-schneller-gehen-Schraube drehen. Oder mit dem viel-hilft-bestimmt-viel-Hammer auf den Putz hauen. Jaaa…mir ist klar, es ist schwer als Einsteiger einem Coach zu vertrauen wenn er mit all diesen vernünftigen Ansagen kommt. Immer und immer wieder hört man dieses eine Wörtchen das mit G anfängt und eduld aufhört. Und dann dieses lehrerhafte „ich hab‘ es Dir doch gesagt“. Been there – done that. Ich weiß selbst wie sich das alles angefühlt hat. Alles Spaßbremsen. Klar. Ich war ja schließlich auch mal jung 😉 Als Coach denke ich heute aber vielleicht sogar ein bisschen anders als meine Trainer vor über 10 Jahren, dass ambitionierte und vor allem junge Athleten ruhig ausprobieren und ihre Grenzen kennen lernen sollen. Dies hat alles seinen Platz und seine Wichtigkeit. Nur kaputt machen sollte sich keiner bei der Experimentiererei. Und dann nicht mehr weiter machen können. DAS wäre schade. Verdammt schade. Denn Zusammenarbeit kann so etwas schönes und etwas so wertvolles sein. Für alle Beteiligten. Vor allem wenn sie Dauer hat.

Aber nochmal zu der Sache mit der Geduld, dem Verstand und einen Trainer zu haben – oder eben nicht zu haben – mit dem man Rücksprache halten kann.

Meine Saison 2016 war am Ende randvoll gepackt mit 17 Events inklusive drei Ironman, fünf Duathlons einer Mitteldistanz, einem Marathonlauf und einigen Olympischen Distanzen. Die Platzierungen waren insgesamt gar nicht so übel, wenn ich im Nachhinein über die Ergebnisse schaue. Ein erster Platz gesamt beim Cologne226, ein erster Platz beim Internationalen Breisgau Triathlon, der Vize-Deutsche Meistertitel (Elite) auf der Duathlon Langstrecke und noch einige weitere gar nicht so schlechte Platzierungen. Aber dafür musste dann leider auch der Preis bezahlt werden. Der mich dann die Saison 2017 kostete. Da standen dann kaum noch Wettkämpfe auf der To Do Liste. Erstens war die Entscheidung gefallen aus dem überambitionierten Triathlondasein zurückzutreten, keine Profilizenz mehr zu ziehen und keine persönlichen Bestzeiten mehr zu jagen. Zweitens sollten die von mir trainierten Athleten noch deutlicher als zuvor an aller erste Stelle rücken. Und Drittens war der Körper erstmal außer Gefecht gesetzt. Die drei dennoch für 2017 geplanten Events zogen allesamt ein Fragezeichen hinter sich im Schlepptau. Warum…?

Ende 2016 musste ich unter heftigen Schmerzen im linken Fuß bei Laufkilometer 28 aus dem Ironman Barcelona aussteigen. DNF. Ja, schöner Mist. Noch größerer Mist war dann die Diagnose: Ein Knochenödem in der linken Ferse inklusive einer Insertionstendinose der Plantar Faszie plus ein 0,6cm Muskelbündelriss in der rechten Oberschenkelrückseite. Herzlichen Glückwunsch.

Diese Verletzungen hätten (wären sie denn entdeckt worden) rechtzeitig und mit der nötigen Geduld auskuriert werden können (müssen). Jeder vernünftige und halbwegs erfahrene Trainer hätte den Athleten rigoros und im wahrsten Sinne des Wortes, auf Eis gelegt. Aber ich hatte ja gar keinen Trainer. Also konnte ich meiner Unvernunft freien Lauf lassen. Aber so lustig wie das klingt war es nicht wirklich. Ein Trainer kann sein schlechtester Athlet sein. Ist so. Weil sportliche Wünsche und Träume nicht selten einen dichten dunstigen Nebel bilden, durch den man kaum mehr klar sehen kann, was man sowieso nicht sehen will. So habe ich mich also am Ende von 2016 von einem weiteren Rennen zum nächsten geschleppt. Halbmarathon hier, Staffelmarathon da, Hindernislauf mit 24km und 150 Hindernissen… Das war schon enorm. Enorm dumm. Ich habe immer schön dafür gesorgt die Schmerzen mit Kompression, Selbstmassage und kühlen kühlen kühlen auf ein und demselben Level zu halten. Man nannte mich am Ende die „Queen of Quarkwickel“. Ein bisschen geholfen hat es sogar. Gott sei Dank verweigere ich rigoros und konsequent Schmerzmittel jeglicher Art. Wer weiß, welchen Schaden ich ohne die Schmerzsignale meines Körpers noch angerichtet hätte. Nichtsdestotrotz bleibt die Erkenntnis, dem Körper nicht volles Mitspracherecht erteilt zu haben.

Während ich diese Zeilen schreibe, denke ich immer wieder nur eines: Meine Güte. Bist Du tatsächlich so ein Idiot? Der Spruch mit dem hinterher schlauer sein kommt wirklich nicht von ungefähr. Alter, Weisheit, Wissen…hilft scheinbar auch nicht viel. Rückblickend sehe ich mich selbst und diese riesige Hoffnung. Immer weiter, immer weiter. Alles soll beim Alten bleiben. Bloß nicht die schöne hart antrainierte Fitness verlieren. Bitte bitte bitte. Jetzt gebe man zu dieser Mischung noch eine gute Portion zeitlichen und emotionalen Stress und dann kollabiert irgendwann das ganze System, weil die Regeneration an allen Enden zu kurz kommt. Burning the candle, from both sides…and in the middle.

Ich bin mir sicher, dass ich nicht der einzige derartige Fall bin. Wie viele Athleten sind auf genau dem gleichen Trip unterwegs. Schmerzen ignorieren nur damit der Traum weitergeht. Ich weiß aber was da hilft. Und das ist ein Partner oder Trainer, der haargenau mitbekommt was Sache ist und der es versteht den Athleten zu lesen und ihm eine klipp und klare Ansage zu machen: STOP. HIER. JETZT. Ohne Wenn und Aber. Weil….und dann braucht es eine gute Erklärung. Man kann einem erwachsenen Menschen ja nicht einfach einen Befehl erteilen. Sich selbst als schlechtes Beispiel zu nehmen ist vielleicht als Trainer auch nicht unbedingt clever ;-), aber man kann zumindest versuchen an den gesunden Menschenverstand zu appellieren und einen Plan B und C überlegen. Wenn man das rechtzeitig macht, ist eventuell gar nichts oder nicht viel verloren.

Die Verantwortung für die sich immer weiter verstrickende Anzahl an Verletzungen trägt ein Athlet letztlich selbst. Schlussendlich habe ich dann in letzter Konsequenz den Stecker ziehen und alle Pläne vom Ironman Frankfurt 2017 sowie AK-Hawaii Quali 2017 über Bord werfen müssen. Zug abgefahren. Leider. Aber, wer weiß für was das am Ende alles gut war!

Nachdem sich übrigens um die Ursprungsverletzung, den Muskelbündelriss in der Oberschenkelrückseite, gekümmert wurde, zogen sich auch peu-a-peu die „Sekundärerscheinungen“ im linken Fuß zurück. Ich konnte wieder Laufen. Zu Beginn im Wechsel mit Gehpausen, die dann immer kürzer wurden, bis sie gar nicht mehr benötigt wurden. Ein Traum. Den ich schon viel eher hätte haben können – nicht erst nach 15-monatiger Leidenszeit. So reichte es dann gerade noch für den Ironman Vichy einigermaßen fit anzutreten. Der dritte Platz dort war ein riesiges Geschenk.

Die Frage bleibt: Was treibt uns Ehrgeizige dermaßen an? Da wo die Einen über eine Blase am kleinen Zeh jammern, schaffen es andere mit eiserner Ignoranz sich tatsächlich selbst zu zerstören. Und mehr als das. Man hat Olympia Athleten befragt, ob sie für eine Goldmedaille in Kauf nehmen würden 10 Jahre früher zu sterben. Die Mehrzahl hat diese Frage mit JA beantwortet. Das muss man sich mal überlegen. Natürlich spielen Olympioniken noch einmal in einer ganz anderen Liga. Natürlich haben sie unglaublich viel investiert und geopfert. Ihr Leben quasi. Für dieses eine Ziel. Selbstverständlich haben sie dann auch nur diesen einen brennenden Wunsch: Die Goldmedaille. Aber worum geht es denn den meisten von uns Amateurathleten? Ja, um was denn genau??? Wollen wir uns nicht einfach ein bisschen selbst verbessern, uns fit und wohl fühlen – vielleicht in unserer Altersklasse auf dem Treppchen landen? Wie leicht und wie oft vergessen wir dabei, dass der Körper – UNSER KÖRPER – auch Pausen braucht. Dass wir keine Maschinen sind. Dass das Leben eigentlich, sind wir ehrlich, nie so läuft wie man es in der Theorie plant. Dass es aber doch genau darum geht: Aufgaben, Herausforderungen und Hindernisse annehmen, lösen und überwinden lernen. Auf die bestmöglichste gesündeste Art und Weise. Ja, stimmt nämlich, „Umwege erhöhen die Ortskenntnis“. Ich liebe diesen Satz.

So und jetzt komme ich zum PUNKT meiner Geschichte. Wir brauchen nicht nur gesunde Nahrung, körperliche Bewegung, Schlaf und Liebe – wir brauchen auch eines ganz dringend: Einen guten Coach sowie das nötige Quäntchen Demut. Die Bereitschaft also , etwas als Gegebenheit hinzunehmen, nicht darüber zu klagen und sich selbst (das eigene Ego) als nicht ganz so wichtig zu betrachten. Wir sind MEHR als „nur“ Triathleten und Triathletinnen. Wir sind Menschen die verletzbar sind. Wir alle.

Denn jetzt wacht er auf
Doch sein Traum geht weiter, weil der Zauber wirkt
Er wacht auf und sein Traum geht weiter weil sein Zauber wirkt
Er wacht auf sein Traum geht noch weiter als der Zauber wirkt
Er wacht auf und weiß es.

Fantastische Vier, Krieger

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